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«Der menschliche Körper ist ein Geschenk Gottes»
(nicht im Heft 5/18 enthalten)   

Der Islam sieht den menschlichen Körper als Geschenk Gottes an, asketische und körperfeindliche Einstellungen sind ihm im Prinzip fremd. Diese Ansicht vertritt die Islamwissenschaftlerin Esma Isis-Arnautovic, die an der Universität Freiburg i. Ue. über den Entwurf einer theologischen Anthropologie im Islam forscht.

Beat Baumgartner

Esma Isis-Arnautovic ist eine junge redegewandte Muslimin, die stark in der Tradition des Korans verwurzelt ist, aber auch sehr offen die Entwicklungen in der modernen Welt diskutiert. Oft irritiert sie als Referentin Zuhörerinnen und Zuhörer, weil sie selbstbewusst mit Kopftuch auftritt und dies auch klar begründet: «Das Kopftuch ist für mich ein Zeichen ritueller Erneuerung und der Gottesfurcht.» Für viele junge Musliminnen bedeute das Tragen des Kopftuches: «Ich stehe zum Islam, will aber nicht in die radikale Ecke gedrängt werden.»

An einer vielbesuchten Tagung diesen Frühling von Mission 21, dem Evangelischen Missionswerk Basel, zu Fragen der «Geschlechter-Rollen in Religionen» ging es der Referentin allerdings nicht um die bei uns viel diskutierte Kopftuchfrage. Vielmehr äusserte sie sich differenziert zum Thema Körper und Geschlechtlichkeit im Islam. Dabei plädierte Esma Isis-Arnautovic für ein undogmatisches Islam-Verständnis, das eine Pluralität der Meinungen, Interpretationen sowie Widersprüche zulässt.

Gott hat kein Geschlecht – der menschliche Körper ist ein Geschenk Gottes

Das zeigt sich beispielsweise bereits bei der Frage, welches Geschlecht denn nun Allah habe. Die Mehrheit der Muslime heute, so Esma Isis-Arnautovic, denkt Gott in ihrem Alltagsbewusstsein zwar als männlich, zumal Allah ja als «Er» bezeichnet wird. Doch grundsätzlich stehe Gott im Koran «jenseits der Geschlechtlichkeit – er ist weder Mann noch Frau.» Das sei ein zentraler Unterschied zum Christentum: «Gott wurde weder geboren, noch kann er gebären – eine Gottessohnschaft lehnt der Koran strikte ab.» Damit, so betont die Islamwissenschaftlerin, gibt es auch «ein Potential für die positive Anerkennung des weiblichen Körpers.»

Aus dieser Sicht folgt für Esma Isis-Arnautovic eine allgemeine positive Einstellung zu Körper und Sinnlichkeit: «Der menschliche Körper ist ein Geschenk Gottes und ein wesentliches Mittel zum Gottes-Dienst. Weder Mann noch Frau werden als Sünder geboren.» (Im Gegensatz etwa zur katholischen Erbsünden-Lehre). Eine asketisches Ideal, wie zum Beispiel im christlichen Mönchtum weit verbreitet, oder eine körperfeindliche Einstellung sei darum dem Islam fremd. Interessant sind die Auswirkungen dieser Einstellung auf die islamische Praxis: So sind, um die Schutzwürdigkeit des Körpers zu stärken, körperschädigende und -verändernde Massnahmen wie etwa Tattoos verboten. Zudem wird auch die Kremation abgelehnt und die Erdbestattung ist allgemein verbreitet.

Sexualität positiv bewertet

Sexualität wird im Koran allgemein als positiv bewertet, er darf lustvoll sein, allerdings auf den Rahmen der Ehe beschränkt. Verbotene Sexualpraktiken gibt es nur ganz wenige (etwa Analverkehr oder Sex während der Menstruation), alle anderen Spielarten werden unterschiedlich beurteilt. In der Frühzeit des Islam sei Erotik nicht tabuisiert worden, «erst mit den viktorianischen Moralvorstellungen wurden Sexualdiskurse zur Reaktion auf den Westen.» Dass die muslimische Frau heute vielerorts «sexualisiert» und in eine Opferrolle gedrängt wird – sie sich darum mit geschlossenen Kleidern vor dem Mann schützen muss –, sei eine spätere Entwicklung, betont Esma Isis-Arnautovic.

Einen ganz wichtigen Stellenwert nehmen im Islam Körper-Rituale ein und sie unterscheiden sich im Prinzip nicht für Frauen und Männer. Viele dieser Rituale betreffen Fragen der «Reinheit und Unreinheit». Esma Isis-Arnautovic wies in ihrem Referat ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei diesem Begriffspaar (rein-unrein) um eine sehr «unzulängliche Übersetzung handelt, die Quelle von zahlreichen Missverständnissen ist». Es gebe nämlich fünf bis sieben Kategorien, die verschiedene Formen von Rein- und Unreinheit bezeichneten. Diese Kategorien beträfen Objekte wie Kleider, Orte, Nahrung, Tiere, respektive deren Zustände. Sie seien nicht absolut zu sehen, sondern ständen in Relation zu einander.

«Die meisten dieser Dinge, nehmen wir zum Beispiel das Schwein, gelten nicht per se als unrein», betont Esma Isis-Arnautovic, «sie beschreiben einen symbolischen Zustand und zwar in Bezug auf eine religiös-rituelle Ebene. Dieser Zustand, die Unreinheit, ist nur vorübergehend.» Mit verschiedenen Ritualen, insbesondere Teil- oder Ganzkörperwaschungen, überwinde ein Muslim oder eine Muslima diese Unreinheit. «Unreinheit wird aber nicht von Mensch zu Mensch übertragen.»

Der Einfluss der Volksfrömmigkeit

Allerdings, das gibt auch Esma Isis-Arnautovic zu, hat im Islam Tradition und Volksfrömmigkeit vielerorts dazu geführt, dass Menstruation «prinzipiell» als unrein gilt und man sich Frauen generell nicht nähern und sie berühren darf, nicht nur während der Menstruation.

Esma Isis-Arnautovic’s Vortrag und ihre Ansichten dazu könnten so, das gab die Autorin in der anschliessenden Diskussion zu, in zahlreichen muslimischen Ländern nicht gehalten werden: «In vielen dieser Länder ist die Meinungsfreiheit gleich Null. Würde ich dort referieren, würde ich noch stärker die Quellen des Korans und der Tradition zitieren, um für Toleranz zu werben.»

Islam-Zentrum in Fribourg – heute breit abgestützt

Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG), an dem die Referentin Esma Isis-Arnautovic als Diplomassistentin arbeitet, wurde 2015 an der Universität Freiburg i. Ue. gegründet. Eine im selben Jahr von der SVP Freibourg eingereichte Verfassungs-Initiative gegen das SZIG hatte das Bundesgericht 2016 als islamfeindlich und diskriminierend abgelehnt.

Das SZIG ist das einzige Forschungs- und Bildungszentrum zum Islam in der Schweiz und heute breit abgestützt. Das Zentrum widmet sich der Forschung, der Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs sowie der Weiterbildung im Bereich Islam und Gesellschaft und kooperiert mit verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland. Im Bereich der Forschung liegt der Akzent auf sozialethischen, gesellschaftlichen und interreligiösen Fragen.

www3.unifr.ch/szig/de/